
Ob altersbedingt, wachstumsgetrieben oder technologisch motiviert: Mergers & Acquisitions (M&A) sind im deutschen Tiefbau angekommen. Was früher selten war, ist heute eine ernstzunehmende Strategie – für Familienunternehmen ebenso wie für regionale Spezialisten.
Wenn in der Wirtschaft von „M&A“ die Rede ist, geht es um weit mehr als bloße Firmenkäufe. M&A steht für Mergers and Acquisitions, auf Deutsch: Fusionen und Übernahmen. Gemeint sind Prozesse, bei denen Unternehmen zusammengeführt oder ganz oder teilweise übernommen werden – freiwillig, strategisch geplant und häufig mit klaren wirtschaftlichen Zielen.
Ob Fusion oder Übernahme – der Zweck ist in beiden Fällen ähnlich: größer werden, besser werden, wettbewerbsfähiger werden.
âś” Konsolidierung des Markts:
Viele kleinere und mittlere Betriebe suchen Nachfolgelösungen oder stoßen an Wachstumsgrenzen. Große Gruppen und Investoren nutzen das als Chance.
✔ Fachkräftemangel & Know-how-Sicherung:
Durch den Erwerb eines Unternehmens gewinnen Käufer nicht nur Maschinen, sondern auch eingespielte Teams mit wertvollem Fachwissen.
âś” Digitalisierung & Spezialisierung:
Neue Verfahren wie BIM oder grabenloser Leitungsbau erfordern Technik und Erfahrung. Wer das Know-how nicht selbst aufbauen kann oder will, kauft es extern ein.
âś” Investitionsdruck & Kapitalbedarf:
Große Geräte, lange Projektlaufzeiten – wer im Tiefbau mithalten will, braucht Kapital. M&A kann eine Antwort darauf sein.
M&A ist kein abstraktes Finanzthema, sondern ein strategisches Werkzeug – auch für mittelständische Tiefbauer. Es geht darum, den Betrieb zukunftssicher aufzustellen, neue Chancen zu nutzen oder einen geordneten Rückzug aus dem Unternehmerleben zu gestalten.
Die Gründe für Fusionen und Übernahmen im Tiefbau sind so vielfältig wie die Unternehmen selbst. Vom Familienbetrieb auf Nachfolgersuche bis zum Großunternehmen mit Wachstumsambitionen – M&A ist für viele zur strategischen Option geworden. In diesem Kapitel werfen wir einen Blick auf die wichtigsten Motive aus der Praxis.
Viele mittelständische Tiefbauunternehmen sind stark lokal verankert. Doch wer wachsen will – sei es geografisch oder strukturell – stößt schnell an natürliche Grenzen. Eine Übernahme kann den Markteintritt in neue Regionen erheblich erleichtern, inklusive vorhandener Kundenbeziehungen, Genehmigungen und Personal.
Die Green Landscaping Group aus Schweden erwarb 2023 die deutsche Lenzen Infrastruktur GmbH, um ihre Präsenz im deutschen Tiefbaumarkt auszubauen. Das Ziel: Stärkung der Marktposition in Nordrhein-Westfalen, Zugang zu erfahrenen Teams und laufenden Projekten.
M&A ist oft ein Mittel zur Portfolioerweiterung: Ein StraĂźenbauer ĂĽbernimmt ein Unternehmen fĂĽr Rohrleitungsbau. Oder ein klassischer Kanalbauer holt sich BIM-Kompetenz ins Haus.
Der Erwerb der ZETCON Ingenieure durch Stantec war kein reiner Personal-Deal – er brachte digitale Planungstools, Spezial-Know-how und Zugang zu öffentlichen Großprojekten.
Laut dem Institut für Mittelstandsforschung Bonn steht in den nächsten fünf Jahren bei rund 190.000 deutschen Unternehmen eine Übergabe an – insbesondere im Bau- und Handwerkssektor. Doch nicht jeder findet eine Lösung im eigenen Familienkreis oder in der Belegschaft.
Ein gut aufgestelltes Unternehmen kann bei rechtzeitiger Planung an einen strategischen Käufer übergeben werden – oft verbunden mit Arbeitsplatzsicherung und Fortführung des Namens oder der Marke.
Der Fachkräftemangel trifft die Tiefbaubranche hart. Die Personalgewinnung über klassische Kanäle ist mühsam und langsam – M&A dagegen kann auf einen Schlag ein ganzes, eingespieltes Team in die eigene Organisation holen.
Ein Netzbetreiber ĂĽbernimmt ein Tiefbauunternehmen mit Spezialkolonnen, um den Glasfaserausbau abzusichern.
Oft lassen sich durch Übernahmen echte Synergien heben – etwa durch gemeinsame Nutzung von Maschinen, effizientere Baustellenlogistik oder gebündelten Einkauf.
Allerdings: Nicht jede Synergie rechnet sich automatisch. Deshalb ist eine nĂĽchterne Analyse vorab entscheidend.
Ob Expansion, Fachkräftesicherung oder Nachfolgelösung – M&A im Tiefbau ist mehr als ein Kaufvertrag. Es ist ein strategisches Werkzeug, um das Unternehmen langfristig stabil, innovativ und zukunftsfähig aufzustellen.
M&A ist eine strategische Entscheidung – mit großem Potenzial, aber auch nicht zu unterschätzenden Fallstricken. Besonders im Tiefbau, wo Investitionen hoch, Margen eng und Projektlaufzeiten lang sind, braucht es einen klaren Blick auf beide Seiten der Medaille.
→ Ein Zusammenschluss ermöglicht es, Maschinenflotten besser auszulasten, zentral einzukaufen oder Personal effizienter einzusetzen. Wer etwa Verdichter, Lkw und Spezialgeräte gemeinsam nutzt, senkt operative Kosten spürbar.
→ Ein gezielter Zukauf kann Türen zu anderen Regionen, Auftraggebern oder Leistungsbereichen öffnen – ohne den langwierigen Aufbau neuer Standorte oder Teams.
→ Mit der Übernahme kommt auch das Know-how: Projektleiter mit langjähriger Erfahrung, GIS- oder BIM-Spezialisten, eingespielte Kolonnen – all das ist in Zeiten des Fachkräftemangels bares Geld wert.
→ Für übergabewillige Unternehmer kann M&A die optimale Lösung sein, um das eigene Lebenswerk zu erhalten, Mitarbeitenden Sicherheit zu bieten und den Ruhestand planbar zu gestalten.
→ Unterschiedliche Führungsstile, Betriebsphilosophien oder Kommunikationswege können dazu führen, dass sich Mitarbeitende abwenden – insbesondere, wenn die Integration unvorbereitet verläuft.
→ Nicht jede „Papier-Synergie“ funktioniert in der Realität. Zwei Geräteparks zusammenzulegen, bringt nur dann etwas, wenn auch die Einsatzplanung abgestimmt ist – sonst entstehen teure Leerlaufkosten.
→ Ob laufende Gewährleistungsfälle, ungedeckte Nachträge oder ausstehende Genehmigungen: Wer nicht genau hinschaut, übernimmt im schlimmsten Fall mehr Risiken als Chancen.
→ Fehlt eine offene Kommunikation oder eine klare Zukunftsperspektive, verlassen Schlüsselpersonen nach dem Deal das Unternehmen – und mit ihnen oft das eigentliche Know-how.
Praxistipp:
Viele Risiken lassen sich durch eine strukturierte Vorbereitung und professionelle Begleitung deutlich minimieren. Wer frühzeitig offene Fragen klärt, Synergien realistisch bewertet und Mitarbeitende mitnimmt, kann M&A im Tiefbau erfolgreich gestalten – und nachhaltig vom Zusammenschluss profitieren.
M&A muss kein undurchschaubarer Prozess sein – auch wenn sich manche Transaktionen über Monate oder gar Jahre hinziehen. Gerade für mittelständische Tiefbauunternehmen lässt sich der Weg zu einer erfolgreichen Fusion oder Übernahme in wenige, gut verständliche Etappen unterteilen.
Alles beginnt mit der Frage: Was wollen wir erreichen?
â—† Wollen Sie wachsen oder neue Leistungen anbieten?
◆ Oder suchen Sie eine Nachfolgelösung?
Je klarer das Ziel, desto fokussierter verläuft der Prozess.
Je nach Strategie wird ein Käufer oder ein geeignetes Zielunternehmen gesucht. Dabei helfen:
◆ Persönliche Netzwerke und Verbände
â—† Spezialisierte M&A-Berater
◆ Branchenspezifische Kontakte (z. B. aus Vergabeverfahren oder Arbeitsgemeinschaften)
Diskretion ist dabei essenziell – niemand möchte, dass eine Übergabe öffentlich wird, bevor sie besiegelt ist.
Wenn sich zwei Parteien annähern, folgen erste Gespräche. Dabei werden Erwartungen, Chancen und Rahmenbedingungen geklärt.
Häufig entsteht daraus ein Letter of Intent (LOI) – eine unverbindliche Absichtserklärung.
Jetzt wird es konkret: Käufer und Berater nehmen das Unternehmen unter die Lupe:
â—† Welche Projekte sind aktiv?
â—† Wie ausgelastet ist der Maschinenpark?
◆ Welche Risiken bestehen (Gewährleistung, Nachträge)?
â—† Wie ist die Mitarbeiterbindung?
Ziel: Risiken erkennen, Werte realistisch einschätzen.
Ist man sich einig, wird der Kaufvertrag finalisiert. Darin geregelt:
◆ Was genau wird übernommen (Anteile, Vermögen, Mitarbeitende)?
â—† Wie ist der Preis aufgebaut (Sofortzahlung, Raten, earn-out)?
â—† Wann und wie erfolgt die Ăśbergabe?
Mit dem Vertragsabschluss beginnt die eigentliche Arbeit:
Prozesse, Menschen, Technik und Unternehmenskulturen mĂĽssen zusammenwachsen.
Erfolg entscheidet sich nicht beim Notar – sondern im Alltag danach.
Ein klarer Integrationsplan, offene Kommunikation und ein realistisches Zielbild sind entscheidend.
Fazit: Eine M&A-Transaktion im Tiefbau muss nicht kompliziert sein – wer strukturiert plant, realistisch bleibt und erfahrene Partner hinzuzieht, legt die Basis für nachhaltigen Erfolg.
Ob als Verkäufer oder Käufer: Wer sich mit dem Thema M&A beschäftigt, sollte vorbereitet sein. Diese fünf Schritte helfen Ihnen, das eigene Unternehmen in Stellung zu bringen – oder ein potenzielles Ziel systematisch zu prüfen.
Starten Sie mit einem ehrlichen Selbstcheck:
◆ Suchen Sie eine Nachfolgelösung?
◆ Möchten Sie wachsen – regional, personell oder technisch?
◆ Oder wollen Sie als Käufer gezielt Fachkräfte, Maschinen oder Aufträge übernehmen?
Je klarer Ihre Zielsetzung, desto fokussierter Ihre Suche – und desto überzeugender Ihr Auftritt.
Potenzielle Käufer achten auf Substanz – also:
â—† Aktuelle Zahlen (BWA, Jahresabschluss, Auftragslage)
â—† Maschinenpark: Liste, Zustand, Auslastung
â—† Mitarbeiter: Qualifikationen, Bindung, Fluktuation
â—† Kundenstruktur: Auftraggeber, Projektarten, Zahlungsziele
Ein aufgeräumtes Zahlenbild schafft Vertrauen und vermeidet spätere Diskussionen.
Noch bevor die ersten Gespräche geführt werden:
◆ Klären Sie intern, wer informiert werden muss (Geschäftsführung, Prokuristen, Schlüsselpersonal)
◆ Sorgen Sie für Diskretion – aber auch Offenheit, wo sinnvoll
â—† Halten Sie den Informationsfluss eng und strukturiert
Unruhe im Team gefährdet jeden M&A-Prozess.
Niemand muss M&A alleine stemmen. Holen Sie sich gezielt UnterstĂĽtzung:
◆ M&A-Berater: Struktur, Marktanalyse, Käufer-/Verkäufersuche
â—† Steuerberater: Unternehmensbewertung, steuerliche Gestaltung
◆ Rechtsanwälte: Vertragsgestaltung, Haftungsfragen
â—† Branchenkenner: Technische Bewertung, Integrationsthemen
Tipp: Achten Sie auf Branchenerfahrung. Tiefbau tickt anders als Handel oder IT.
Ein M&A-Prozess braucht Vorlauf. Zwischen der ersten Idee und dem Vertragsabschluss vergehen oft 6 bis 12 Monate – manchmal mehr. Schnellschüsse führen selten zu tragfähigen Lösungen.
→ M&A beginnt mit Strategie, Struktur und einem klaren Kopf. Wer vorbereitet ist, kann nicht nur Chancen nutzen – sondern auch Stolperfallen souverän umgehen.
Mergers & Acquisitions sind längst kein Exklusivthema für Konzerne oder Finanzinvestoren mehr. Auch im Mittelstand – und ganz besonders im Tiefbau – sind sie zu einem wichtigen Instrument geworden, um Wachstum zu sichern, Fachkräfte zu binden, Technologiekompetenz auszubauen oder die eigene Nachfolge erfolgreich zu regeln.
Wenn Sie mit dem Gedanken spielen, Ihr Unternehmen zu verkaufen, zu ĂĽbergeben oder durch Zukauf zu erweitern, lohnt sich ein erster Schritt:
Eine strategisch geplante M&A-Transaktion kann im Tiefbau nicht nur den Fortbestand sichern, sondern neue Perspektiven eröffnen – für Unternehmer, Mitarbeitende und Kunden gleichermaßen.
